Sonntag, 9. März 2014

Normal, üblich, gewollt, angemessen ... (?)

 „Das geht hier nicht, das macht man nicht, das will doch hier keiner, …“
Worte, die man zunächst nicht unbedingt mit Christsein und kirchlicher Gemeinschaft in Verbindung bringt. Doch nach einem interessanten Gespräch mit einer nordkoreanischen Ordensschwester und einem persönlichen Erlebnis nach einem sonntäglichen Gottesdienstbesuch wurde ich vermeintlich eines besseren belehrt und musste erkennen, dass solche Worte leider doch und anscheinend viel häufiger als man denkt ihren Platz unter uns Christinnen und Christen haben.
 
 „Die Kirche in Deutschland, viele Gemeinden und deren Mitglieder gehen einen falschen Weg…“ Das waren die Worte der Ordensschwester, die mich nachdenklich stimmten. Sie sprach von Kleinkariertheit und Verschlossenheit vieler in der Kirche engagierter Christinnen und Christen. Immer wieder haben Menschen auf Grund ihrer sozialen Herkunft, ihres Charakters oder ihrer Bildung Schwierigkeiten, in der Kirche und ganz konkret in ihrer Heimatgemeinde ihren Platz zu finden und Fuß zu fassen:
 
Kleidet oder verhält man sich nicht wie „normal üblich, gewollt, angemessen und der Norm entsprechend“, so fängt das Gerede und der Spott an. Es werden folglich unnötige Kommentare gegenüber Mitchristen geäußert, die sich nicht an die üblichen Konventionen und Verhaltensideale halten und dabei wird gleichzeitig versucht, sich selbst als die Norm und den idealen Kirchgänger darzustellen. Doch ist dieser angeblich „ideale Kirchgänger“ dann am Ende auch der „ideale Christ“?
 
Meiner Meinung nach gibt es keinen idealen Christen und keine ideale Christin. Wir sind alle Menschen mit Fehlern und Schwächen. Doch bin ich der Meinung, dass wir als Christinnen und Christen wieder stärker wahrnehmen sollten, wie Christus uns im Nächsten,, im Geringsten unserer Brüder und Schwestern begegnet. Er begutachtet uns nicht nach unserem Aussehen, unserer Kleidung oder unserem (Fehl-)verhalten, sondern er freut sich über einen jeden von uns und nimmt uns so an, wie wir sind. In der Nachfolge Christi sollten wir uns demzufolge unserem Gegenüber, der auf unsere Zuwendung angewiesen ist und der seinen Platz bei uns in der Gemeinde, und damit in der Kirche, sucht, mit Offenheit statt mit Abwehrreflex begegnen. Wir sollten uns die Worte von Papst Franziskus, dass die Kirche aufgrund „ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist“ (Evangelii Gaudium) zu Herzen nehmen.
Wir alle sind „Kirche“, denn wir alle sind von Gott zusammengerufen und vereint, um die Versammlung derer zu bilden, die durch den Glauben und die Taufe Kinder Gottes, Glieder Christi und Tempel des Heiligen Geistes werden. Und jeder einzelne von uns kann somit –ja hat sogar den Auftrag- den ersten Schritt hin zu einer offeneren Kirche wagen, in dem wir die frohe Botschaft Christi nicht nur verkünden sondern auch selber praktizieren!
 
Christina Metten, Katechetin und angehende Grundschullehrerin

Kommentare:

  1. Vielleicht sollte man unterscheiden: Es gibt den Glauben und es gibt eine von vielen Formen dafür, die „Kirche“. Kirche ist öffentlich gelebter Glaube oder für manche eben zur Schau gestellte Frömmigkeit, Bigotterie. Das ist nichts Neues und hat sicher, natürlich mit den Ideen der Nächstenliebe, der Offenheit etc. wenig bis gar nichts zu tun.
    Nicht diese individuelle, sondern eine andere, viel grundsätzlichere Borniertheit stört mich: „Kirche“ soll sich – gnädig – den Menschen zuwenden? Das mag für andere Teile der Welt noch recht uneingeschränkt gelten. Ich befürchte, Menschen von heute sehen das hier öfter etwas anders: Menschen sollen sich – gnädig? – der „Kirche“ zuwenden. Wie hält man es denn mit der Erkenntnis, dass wir alle Fehler haben? Wo fängt da das Christsein an? In der Akzeptanz dieser größeren (ich möchte hier keine aktuellen „Fälle“ bemühen) oder kleineren Verfehlungen im Alltag, die sich jeder eingestehen muss? Weil wir eben alle so sind? Weil auch manches nicht anders geht? Der Pfarrer, der bei der Beerdigung auf die Uhr schaut, hat keine andere Wahl – aber dies widerspricht auch hier bereits der Grundidee. Stattdessen wendet man sich dann dem Nächsten zu, der angeblich unserer bedarf? Mit vielen Worten und vielen Bildern, die man regelmäßig bemüht? Kann man denn geben, was man da verspricht? Und ist die Welt so schwarz und weiß, wie es dann schnell klingt? Man macht Umfragen, Sozialraumanalyse. Da fällt doch auf, dass Menschen ihre Herkunft, ihre Einstellungen, ihren Charakter durchaus auch selbstbewusst zur Sprache bringen. Zu Recht: Eine Gemeinschaft bekommt Stärke, nicht obwohl, sondern gerade weil sich unterschiedliche Mitglieder in ihr versammeln. Wer hier nicht gewollt wird, der geht woanders hin. Unsere heutige Welt bietet viele Angebote.
    Die „Frohe Botschaft“ – für mich ist sie irgendwie im ganz Kleinen anzutreffen und auch dort oft so schwer umzusetzen. In der Güte, wenn sich andere in der Hektik des Alltags zu verlieren drohen, in der Entschuldigung, wenn man jemanden übersehen hat, in der Zeit, die ich im Gespräch verbringe. Mit der Feststellung, dass sich diese Zeit absolut gelohnt hat.
    Wenn Christus uns gerufen hat – dann sollte es zuerst um uns selber und danach um Christus im Nächsten, im angeblich Geringsten gehen. Damit wir wenigstens ansatzweise ein echtes Angebot sind. Manches andere wird vielleicht sonst als schein-heilig empfunden.

    Melanie Henzgen

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  2. Quote: „Kirche“ soll sich – gnädig – den Menschen zuwenden? ...
    Das gilt hoffentlich nirgendwo auf der Welt, nicht "gnädig" im Sinne von freiwilliger, ungeschuldeter Spendabilität und "von oben herab" schon gar nicht ...
    Fast ein Schlüsselerlebnis im Studium war der Vergleich von Darstellungen der St. Martins-Legende: frühe Darstellungen zeigen einen Soldaten Martin zu Fuß, der dem Bettler auf Augenhöhe begegnet und ihm den ihm zustehenden Anteil am Mantel gibt - selbstverständlich.
    Die wachsende Glorie des Hauses und die Mittelalterliche und erst recht spätere Vergoldung machte daraus einen prächtigen Fürsten, der von oben herab etwas für ihn überflüssiges vom Pferd fallen lässt - vom zerlumpten Bettler natürlich in geschuldeter devoter Dankbarkeit entgegengenommen.

    Dieses Bild war schon immer und nun immer bewusster kein theologisches, sondern ein autokratisches.

    Scheinheiligkeit ist schlimm - Diskrepanzen und Unauthentizität müssen angesprochen werden ...

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