Montag, 26. November 2018

Den Wald vor lauter »Wir« nicht sehen

Respektvoll möchte ich mit Dir, mit Ihnen, geneigte Leser*innen ins Gespräch kommen – in Kommentaren oder direkten Begegnungen. Denn ich bin überzeugt, dass es ganz unterschiedliche,
wertvolle und auch verstörende Erfahrungen auszutauschen gibt über das Miteinander in der Kirche. Mit diesem gern genommenen, übermächtig großen „Wir“. Oft vielleicht unbedacht gebraucht, teils nicht einfühlend in andere Perspektiven, manchmal gar übergriffig. Es scheint nicht ohne zu gehen – aber vielleicht doch sensibler?

john-westrock-unsplash

Ich kann mich nicht mehr so gut an die Zeit als Heranwachsender und später in Verantwortung Hineinwachsender in meiner Heimatgemeinde erinnern, ob es mir da auch schon so ging mit Anrede und Formulierung. Sicher gelingt mir mein Selbstanspruch auch nicht in jedem Augenblick. Und er wird sehr vom konkreten situativen Kontext bestimmt: Gremiensitzung, Begegnung auf der Straße, Jugendleiterrunde, … . Aber spätestens nach dem Eintritt in den gestaltenden Dienst in den Gemeinden, besonders in der Sprache in Gottesdiensten, ist mir persönlich ein allzu leicht
gesprochenes „wollen wir uns besinnen“ (in mancherlei Variationen) immer wieder aufgestoßen. Will ich? In diesem Augenblick? Es ist ja nur eine Formulierung, vielleicht eine Redewendung, die „man“ vermeintlich braucht.

Zuletzt ganz prominent: „Das Leid hallt(e) mit Macht in meinem Herzen wider“ schrieb Franziskus
an das ganze Volk Gottes im August. Ich habe zunächst gar keinen Widerstand gespürt, weil ich das
Thema so wichtig fand. Bei mir ist Zorn über konkrete Beobachtungen nahe in meinem Umfeld in den vielen Jahren. Doch da war es auch wieder: ein übergriffiges „Wir“, das jede Christin, klein und groß, Papst, verantwortliche Bischöfe, Täter und sogar Opfer inklusiv zu Fasten und Beten aufrief. Unendlich wichtig, dass der Papst auf die aufgedeckten Missbrauchszahlen in den USA reagierte,
wohltuend, dass er dies in Demut tat, bedauerlich, dass manches daran auch sensibler formuliert
hätte sein können.

Die ersten größeren Enthüllungen über Missbrauch in der Kirche in Deutschland haben zu intensiven
Bemühungen um Prävention geführt, alle, die mit Schutzbedürftigen zu tun haben, mussten geschult werden. Nun geht es an die Auffrischungen und um das „Institutionelle Schutzkonzept“. Die deutsche Bischofskonferenz hat eine aufwühlende Arbeitshilfe aufgelegt, in der auch Opfer zur Sprache
kommen. Auch das Erzbistum hat für den Europäischen Tag zum Schutz von Kindern vor sexueller
Ausbeutung und sexuellem Missbrauch am 18. November zur Gestaltung opfersensibler Liturgien
aufgerufen. Es ist kein Thema, was uns fern sein kann, denn statistisch ist in jeder Versammlung von mehr als vier Christinnen und Christen eine von sexueller Gewalt betroffene Person anwesend.

Auch wenn vieles auf einen Wendepunkt hindeutet, lösen bei manchen die erneuten Untersuchungen
z.B. in der im September veröffentlichten sogenannten MHG-Studie Abwehrreflexe aus. Es ist kaum noch möglich die Augen zu verschließen vor strukturellen Gründen, die Missbrauch und seine Vertuschung (wie ein zweiter Missbrauch wirkend) begünstigt haben. Die Übergriffigkeit im System muss beendet werden. Im Kleinen wie im Großen, im weiten Kontext des Bistums wie auch bei unseren nahen Begegnungen vor Ort. Aber der Verlauf dieser Auseinandersetzung ist nicht vorhersehbar. Ich möchte diese Entwicklung dort wie hier mit großer und kritischer Aufmerksamkeit beobachten und immer wieder ins Gespräch bringen.
Und ich bitte Euch und Sie, dies auch zu tun.

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